Griechische zweiseitige Bleisiegel aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. more

zusammen mit Claudia Sode, publiziert in: Jahrbuch für Numismatik und Geldgeschichte 55/56, 2005/06, S. 69-73.

Jahrbuch f. Numismatik u. GeIdgeschichte 55/56, 2005/06 69 ELKE KRENGEL - CLAUDIA SODE (Berlin-Koln) Griechische zweiseitige Bleisiegel aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.1 (5 Abbildungen) In Memoriam Paul Speck In den auch jiingst erschienenen Standard-Siegelwerken wird davon ausgegangen, dass die Romer das Siegeln in Blei erfunden hatten und dies vermudich im 1. Jh. n. Chr. Dabei wird eine technische Entwicklungsab- folge angenommen von der zuerst einseitigen konusformigen Plombe hin zum zweiseitigen Bleisiegel, das erst durch die Einfuhrung der Pragezange im 4. Jh. n. Chr. ermoglicht worden ware.2 Durch die hier vorgestellten zwei in den Jahren 1996 und 2002 im Handel aufgetauchten Bleisiegel sollten die bisherigen Annahmen in den wesentlichen Aspekten Herkunft, Datierung und Entwicklungsgeschichte in Zukunft jedoch revidiert werden. 1 Fur die Entdeckung beider griechischer Siegel danken wir herzlich Jochen Krengel. Unser besonderer Dank gilt Cecile Morrisson fur ihre Unterstiitzung und wertvolle Hinweise. 2 W. Seibt/M. L. Zarnitz, Das byzantinische Bleisiegel als Kunstwerk, Wien 1997, S. 18: „Die Neuerung, in Metall zu siegeln, und zwar speziell in Blei, diirfte eine rdmische Erfindung sein .... Zur Siegelung verwendete man zunachst Bleiplomben, bei denen fur Darstcllung oder Schrift jeweils nur eine einzige Seite zur Verfiigung stand, wahrend die Riickseite unregelmafiig konusformig gestaltet war .... Bisher stammen die friihesten erhaltenen Bleiplomben aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert .... Schon zur Zeit der Tetrarchie (Wende 3./4. Jh.) wurde obige Methode weiterentwickelt zum echten Bleisiegel .... Man konnte auf das Erwarmen verzichten, da man mit Hilfe einer Siegel- zange (eines Bulloterions) pragte, wobei nun zwei Bildflachen zur Verfiigung standen." Ahnlich W. Seibt, Die byzantinischen Bleisiegel in Osterreich, 1. Teil, Wien 1978, S. 33; wiederholt von A. I. Romancuk u. V. S. Sandrovskaja, Vedenie v vizantijskuju archeolo- giju i sfragistiku, Ekaterinburg 1995, S. 58; ebenso N. Oikonomides, Byzantine Lead Seals, Washington, D.C., 1985, S. 3; zuletzt M. Henig, Roman Sealstones, in: D. Collon (ed.), 7000 years of seals, London 1997, S. 93 ff. 70 Elke Krcngcl - Claudia Sode Abb. 3 (2:1) I. Abb. 1-3 Bleisiegel mit drei Fadenausgangen, 19x15 mm, Avers und Revers eines Goldstatcrs Alexanders d. Gr., 336-323 v. Chr., Typ Price3: 1923 (Magnesia ad Maeandrum, Ionien), RV vermutlich stgl. AV: Kopf der Athena mit korinthischem Helm nach rechts (dezentriert). RV: Nike nach links stehend mit Stylis in der linken Hand und Kranz in der rechten Hand, links im Feld Widderkopf nach links, rechts vertikal [AJAEHANAPOY Stempelstellung: 7 h. Provenienz: 1996 aus dem Handel, jetzt Privatslg. Berlin, unpubliziert. Abb. 4 II. Abb. 4 Bleisiegel mit drei Fadenausgangen, 27x20 mm, Avers und Revers eines Silberstaters aus Korinth, circa 345-307 v. Chr., Typ Calciati4: Bd. 1, S. 250, Nr. 385. AV: Pegasos nach rechts fliegend, daruntcr ?. RV: Kopf der Athena mit korinthischem Helm nach rechts, dahinter N und Herme (?). Stempelstellung: 7 h. Provenienz: Classical Numismatic Group Auct. 60, 22.5.2002, Nr. 563. 3 M. J. Price, The coinage in the name of Alexander the Great and Philip Arrhidaeus, Zurich/London 1991. 4 R. Calciati, Pegasi, 2 Bde., Mortara 1990. Gricchische zweiseitige Bleisiegel 71 Beide Siegel weisen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Sie sind eindeutig mit Hilfe von Stempeln hergestellt worden, die iiblicherweise der Miinz- pragung dienten. Auch die fiir beide Pragungen typische schrage Achsen- stellung von Avers und Revers entspricht den jeweiligen Vorbildern in der Miinzpragung. Dadurch lassen sich sowohl Ort als auch Zeitraum ihrer Herstellung genau festlegen: Sie waren in Griechenland und Kleinasien in der 2. Halfte des 4. Jh. v. Chr. in Gebrauch. Beide Exemplare weisen auf Grund von drei Fadenausgangen - je zwei kleineren und einem breitcn - eine dreieckige Form auf. Schon der Bear- beiter des Siegels II bemerkte im Auktionskatalog unseres Erachtens sehr richtig: „Probably used to seal a money bag at the mint." Dies ist ange- sichts der Tatsache, dass beide Miinztypen zu den Massenpragungen des Fruhhellenismus zahlen, uberzeugend. In den hellenistischen Miinzpragestatten nutzte man also offenbar die schon in den Pragestocken vorhandenen Stempel dazu, Miinzbeutel zu verplomben, um die Echtheit und das korrekte Gesamtgewicht grofierer Miinzbetrage zu garantieren. Dabei war ein Erwarmen des Bleis von Anfang an nicht notig.5 Da es sich bei griechischen Munzstempelbildern vielfach um die Wappen der jeweiligen Stadt (Semata)6 handelte und in hellenistischer Zcit Miinzbeamte mit ihrem hinzugesetzten Namen oder Monogramm Feingehalt und Gewicht der Miinzen garantierten, handelt es sich bei den hier vorgestelltcn Siegeln um amtliche Bleisiegel. Man kann davon ausgehen, dass derartige Siegel aus Sicherheitsgriinden nach Off- nung der Miinzbeutel vernichtet bzw. wieder eingeschmolzen wurden, was ihre grofie Seltenheit erklaren konnte. Abgesehen von Datierung und Herkunft entspricht auch die friihe Nut- zung beider Siegelseiten in keiner Weise der bisher vermuteten Entwick- lungsgeschichte des Bleisiegels. Vielmehr scheint einiges darauf hinzudeu- ten, dass das zweiseitige Siegel in Metall schon friih im Zusammenhang mit der Miinzpragung entstand. Es darf gleichfalls angezweifelt werden, dass die bisher sehr spat ange- setzte Datierung der Erfindung der Siegelzange noch glaubhaft ist. Spate- stens in der friihen romischen Kaiserzeit ist in der Miinzpragetechnik der Reichspragung bereits von einer festen Arretierung des Ober- und Unter- stempels mit Hilfe einer Nut oder sogar eines Scharniers auszugehen.7 Dies ist aus der stets feststehenden Stempelstellung und vor allem dem 5 C. Morrisson, Numismatique et sigillographie: parentes et methodes, in: Studies in Byzantine Sigillography 1, Washington, D.C., 1987, S. 1-25 (Nachdruck in: C. Morrisson, Monnaie et finances a Byzance: analyses, techniques [Variorum Reprints], Aldershot 1994), besonders S. 7 mit Anm. 18. 6 M. R.-Alfoldi, Antike Numismatik, Mainz 1978, S. 77 f. 7 G. F. Hill, Ancient methods of coining, NC, 5. Ser., 2, 1922, S. 38 ff. und J. G. Milne, Two notes on Greek dies, 2. Adjustment of dies, NC, 5. Ser., 2, 1922, S. 47. 72 E1 k e Krengel - Claudia Sode volligen Fehlen von Dezentricrungen ersichtlich. Technikgeschichtlich ist die Weiterentwicklung zur mobilen Pragezange fiir das leichter zu pra- gende Blei nur ein kleiner Schritt. Dieser ist bereits fiir das 2. Jh. n. Chr. und nicht wie bisher angenommen erst fiir die Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert nachweisbar. Folgender zweiseitiger Siegeltyp wurde, stets mit der gleichen Legende, aber verschiedenen Kaiserportraits, sowohl im Handelshafen von Lyon als auch im Tiber gefunden.8 III. Abb. 5 Bleisiegel, 27 x 30 mm, Zeit Marc Aurels als Caesar, Mitte d. 2. Jh. n. Chr. AV: Biiste des Marc Aurel als Caesar nach rechts, ANA[B]OLICI. RV: Biiste des Marc Aurel als Caesar nach links, Legende wie auf dem Avers. Abb. aus: Gobi9: Bd. 2, Taf. 21, 235. Laut Aufschrift wurde damit Schiffsfrachtgut verplombt und zwar, wie man annimmt, fiir das Militar requirierte Manufakturartikel verschiedener Art. In unserem Zusammenhang interessant ist die Tatsache, dass Siegel mit derartiger Aufschrift und Kaiserportraits sowohl zweiseitig als auch einseitig mit Holzstruktur auf dem Revers gefunden wurden. Dies be- weist, dass die Siegelform lediglich von der Art des Frachtgutes abhing, das verplombt werden sollte. Die Theorie einer technikgeschichtlichen Abfolge von der einseitigen Bleiplombe zum zweiseitigen „echten"10 Blei- siegel sollte daher aufgegeben werden. 8 R. Turcan, Nigra Moneta, Lyon, 1987, S. 21 ff., Nr. 14: zweiseitig mit Kopf des Pertinax, und Nr. 15: einseitig mit den Biisten von Caracalla und eines Mitkaisers, mit weiteren Nachweisen in der angegebenen Literatur. 9 R. Gobi, Antike Numismatik, 2 Bde., Miinchen 1978. Ebd., Bd. 2, S. 138, gibt Gobi die Biisten mit AV Marc Aurel und RV Commodus an und den Fotonachweis aus Kat. Schulman, New York 1969 (Marbott 1), Taf. 3. 10 So von Seibt/Zarnitz (o. Anm. 1) formuliert. Griechische zweiseitige Bleisiegel 73 Zusammenfassend lasst sich unseres Erachtens eine neue These aufstel- len: Das antike Bleisiegel scheint eine griechische Erfindung des 4. Jh. v. Chr. zu sein, das sich urspriinglich aus der Munzpragung entwickelte und daher bereits Jahrhunderte vor der vermuteten spatromischen Datie- rung zweiseitig war.
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