Das panegyrische Münzprogramm Athens in der Kaiserzeit morePublished in: Martin Flashar, Hans-Joachim Gehrke, Ernst Heinrich (Hrsg.), Retrospektive. Konzepte von Vergangenheit in der griechisch-römischen Antike (1996), S. 159-178 |
29 views |
Roman Athens, Römische Kaiserzeit, Numismatics, Archaeology, Classical Archaeology, Roman Empire, and Ancient Roman Numismatics
Sonderdruck aus
RETROSPEKTIVE
kon'zepte von vergangenheit in der griechisch-romischen antike
Herausgegeben von
Martin Flashar
Hans-Joachim Gehrke
Ernst Heinrich
Bering & Brinkmann
Hans-Christoph von Mosch
Das panegyrische Munzprogramm Athens
in der kaiserzeit
In denjahren 1885 bis 1887 erschien im Journal of Hellenic Studies< eine bis heute
uniibertroffene Studie von F. Imhoof-Bliimer und P. Gardner mit dem Titel >A Numismatic
Commentary on Pausanias<. Mit groftem Sammlerfleifi hatten die beiden Gelehrten
Miinzbilder von Stadten des kaiserzeitlichen Griechenlands zusammengetragen, die
sich zu den Beschreibungen des Pausanias iiber lokale Mythen, Statuen, Kulte und
Bauwerke in Beziehung setzen liefien. Das Ergebnis dieser einfachen Gegeniiberstel-
lung von Miinzbild und Pausaniaszitat war beachtlich. Zum einen bestatigte sich auf
einer breiten Materialbasis die Zuverlassigkeit von Pausanias' Angaben, zum anderen
liefien sich zum ersten Mai in groEem Umfang die schwer deutbaren Motive kaiser-
zeitlicher Stadtpragungen entschliisseln.
Der Nachweis lokaler Kunstwerke und Architektur auf Miinzbildern lenkte die spatere
Forschung auf bestimmte Wege der Interpretation, zuletzt etwa in folgender Weise for-
muliert: Die Miinzbilder, so heifit es, seien Ausdruck »einer durch Traditionsprestige
bedingten mythologischenDenkmalpflege«.' Noch pointierter ist dieser Deutungsan-
satz in dem Ausstellungskatalog >G6tter - Stadte - Feste< der Staatlichen Miinzsamm-
lung Munchen dargelegt. Die Autoren vermuten hier, da$ Miinzen mit der Darstellung
beriihmter Kunstwerke auch in der Absicht gcpragt wurden, auf Touristenattrakationen
der Stadt aufmerksam zu machen, ja sogar selbst als Souvenir (wie heutige Postkarten?)
gedient haben konnten.2
Eine Untersuchung der kaiserzeitlichen attischen Miinzpragung, die in hadrianischer
Zeit einsetzt und mit Unterbrechungen bis 267 n. Chr. fortdauert,3 ergibt jedoch ein
anderes, komplexeres Bild, das hier kurz dargestellt werden soli.
Ein erstes Argument gegen die postulierte stadtische Selbstdarstellung durch die Abbil-
dung beriihmter Kunstwerke ist das Problem der variierenden Miinzbilder, das sich
zum Beispiel im Fall der Athena-Poseidon-Gruppe stellt. Athener Miinzen des 2. Jh.s.
n. Chr. bilden den Mythos vom Kampf zwischen Poseidon und Athena um das attische
Land in einer Bildfassung ab, die offensichtlich vom Vorbild des Parthenonwestgiebels
beeinflufit wurde.4 Doch die Miinzen weisen je nach Stempel Unterschiede im Detail
auf: so halt Athena auf der einen Miinze den Arm erhoben (Abb. 1), auf der anderen
beruhrt sie mit gesenktem Arm den Olbaum (Abb. 2).
Auf den Miinzen des 3. Jh.s erscheint derselbe Mythos indes in einer ganz anderen
Bildversion (Abb. 3), die von zahlreichen anderen Bildtragern wie z. B. romischen
Medallions in besserer Qualitat iiberliefert wird.5 Man hat daher zu Recht daran ge-
dacht, dafi auch hier eine Skulpturengruppe als Vorlage gedient haben konnte. Die Ab-
bildung des verbreiteten Motivs auf Athener Miinzen liefi Athen als Standort dieser
Gruppe in Frage kommen, und ein Nachschlagen bei Pausanias lieferte das passende
Zitat: Bei seinem Rundgang iiber die Akropolis beschreibt er eine Gruppe mit den Worten:
»Auch Athena ist da gemacht, die den Olbaum aufspriefien, und Poseidon, der das
Wasser erscheinen la$t«.6 Die Deutung hat zunachst einiges fur sich, doch die Miinzen
159
Hans-Christoph von Mosch
des 3. Jh.s sind keinesfalls geeignet, naheres zur Rekonstruktion der Gruppe beizutra-
gen, denn die Stempel bleiben fliichtig und schematisch geschnitten und geben zudem
in manchen Fallen das Vorbild in spiegelverkehrtcr Ansicht wieder.7
Das gleiche Phanomen hat bei der nur auf den Miinzbildern beruhenden Rekonstruk-
tion der Athena-Marsyas-Gruppe des Myron fur Verwirrung gesorgt. Auch hier gibt es
zwei Fassungen der Wiedergabe des Mythos, die trotz motivischer Ahnlichkeit im
Gesamterscheinungsbild der Gruppe aus jeweils verschiedenen Figurentypen kompo-
niert sind (Abb. 4, 5).
Probleme dieser Art ergeben sich bei fast alien Miinzbildern des kaiserzeitlichen Athen.
Zwar finden sich auf den Miinzen in vielen Fallen Zitate beriihmter Kunstwerke der
Stadt, doch wurden Komposition und Figurentypen so beliebig von Stempelschneidern
variiert, dafi die Miinzen keinerlei Wert fur die Rekonstruktion der Monumente haben.
Offensichtlich war der Mythos das Thema und nicht die Presentation eines bestimmten
stadtischen Monuments.
Gegen eine Souvenierfunktion der Miinzen spricht auch das Fehlen zahlreicher be-
riihmter Werke Athens, deren Existenz aus den Schriftquellen bekannt ist.8 Das wenig
representative Erscheinungsbild der Produkte der attischen Pragestatte und die nach-
weisbare Beschrankung des Umlaufgebietes der Miinzen auf das attische Territorium
sind weitere Gegenargumente.9
Die Betrachtung der abgebildeten Themen lafit vielmehr eine andere grundlegende
Gemeinsamkeit erkennen: Beinahe alle Bilder lassen sich den traditionellen Topoi der
zcitgenossischen Rhetorik zuordnen. Der von der Rhetoriklehre festgeschriebene Auf-
bau eines Enkomions auf die Stadt kann bis hin zu den anzufiihrenden Exempla aus
Mythos und Geschichte mit Motiven der stadtischen Miinzpragung bebildert werden -
soweit die hier vertretene These. Voraussetzung fur die Analyse der einzelnen Bild-
typen ist aber zunachst ein kurzer Exkurs zum Wissensstand derjenigen, die taglich mit
dem Geld hantierten, um nicht dem Fehler zu verfallen, die Bilder als Ausweis der
Bildung und Selbstdarstellung einer kulturellen Elite zu deuten.
Das Sinnbild Athen hat sowohl in der griechischen als auch in der romischen Literatur
einen eigenen Stellenwert. Athen als Stadt der Frommigkeit, als Entstehungsort mensch-
licher Kultur, als Retterin der Griechen vor den Barbaren, als Mutterstadt der dramati-
schen Dichtung und anderes mchr, das sind verbreitete Topoi der Wertschatzung Athens,
die sich aus den Quellen zusammentragen lassen.10 Entscheidenden Anteil an der Ge-
staltung dieses Bildes hatte die Stadt selbst. Ihre Miinzen sind offizieller Beleg fur die
propagierten Topoi ihrer Selbstdarstellung, was im folgenden gezeigt werden soli. Dar-
iiber hinaus gibt es fur die Kaiserzeit nur eine weitere Quelle, die gleichsam ein Kom-
pendium der in Athen gelaufigen Stadtlobtopoi darstellt und darin weitestgehend mit
der Miinzpragung iibereinstimmt: der >Panathenaikos< des Aelius Aristides, eine Preis-
rede auf Athen, die er im August 155 n. Chr. wohl iiber zwei Tage verteilt bei den
groften Panathenaen gehalten hat.11 Die meisten der darin verwendeten Topoi attischen
Selbstverstandnisses fufien auf traditionellen Ansichten, die sich zum Teil bis ins 5. Jh.
zuriickverfolgen lassen.12 Die alte Tradition rhetorischer Versatzstiicke sowie der Urn-
stand, dafi der >Panathenaikos< nur eine zufallig erhaltene von zahlreichen verlorenen
Festreden darstellt, die in steter Wiederholung derselben Topoi der attischen Bevolkerung
160
Daspanegyrische Munzprogramm Athens
bei den grofkn Festspielen und Gotterfesten prasentiert wurden,13 garantierten ein in
alien Schichten vorhandenes Wissen um die Mythen und historischen Exempla, auf
denen die offizielle Selbstdarstellung Athens griindete. Dieses Vorwissen ermoglichte
es dem Redner einerseits, mit Tropen zu arbeiten und es bei bloften Andeutungen be-
kannter Themen zu belassen, ohne dabei an allgemeiner Verstandlichkeit zu verlieren,
und andererseits kamen auch die Miinzbilder mit einem Minimum an erklarendem Bei-
werk aus.
Im Gegensatz zu den Pragungen der romischen Republik etwa, die nach Holscher mit
den elitaren Themen der als Miinzmeister fungierenden Jungkarrieristen belegt waren,
zeigen die attischen Miinzen der Kaiserzeit Bilder, die jedem in der angedeuteten Wei-
se vorgebildeten Burger leicht verstandlich waren.14
Fur den heutigen Betrachter ist das antike Verstandnis der Bilder rekonstruierbar, in-
dem man Topoi des antiken Athenlobes aus den Quellen zusammenstellt und in einem
ideellen Modell, gegliedert nach dem Aufbau eines Enkomions, zur Miinzpragung in
Beziehung setzt. Nahezu alle der 73 verschiedenen Bildtypen bekommen in diesem
System einen Sinn, wie die folgende Auswahl zeigt.
Am Anfang eines Enkomions auf eine Stadt mulke der Rhetor ihre vorteilhafte Lage
herausstellen: Wasserversorgung, Klima, Fruchtbarkeit, ihre Lage an der Kiiste oder im
Landesinnern, im Gebirge oder in der Ebene, all' das gait es mit positiven Argumenten
zu versehen und dem Stadtlob einleitend voranzustellen.15 Lobende Aufmerksamkeit
verdienten besonders Hafen, Buchten und Akropoleis.16 Menander Rhetor widmet die-
sen drei Punkten jeweils einen eigenen Abschnitt.
Auch auf Munzbildern wurde haufig die Akropolis einer Stadt in Einzelbildern hervor-
gehoben,17 ebenso wie Tempel, Stadttore, Mauerringe oder andere lobenswerte offent-
liche Bauten. In alien Fallen ist die Darstellung des Objekts jedoch nur epideiktisches
Zeichen und nicht detailliertes Abbild wirklicher Strukturen.
Athener Miinzen bilden sowohl in den Pragephasen des 2. Jh.s als auch in der
gallienischen Prageperiode eine Nordwestansicht der Akropolis ab (Abb. 6). Der Burg-
berg und die Terrassierungsmauer des Plateaus dominieren das Munzrund. Vergleichs-
weise klein erscheinen die Monumente obenauf. Die Frage entsteht, wie das Miinz-
motiv in der Kaiserzeit verstanden wurde.
Der >Panathenaikos< des Aelius Aristides kann als strukturelle Analogie herangezogen
werden und bietet so die Moglichkeit einer Annaherung an das antike Verstandnis solcher
Bilder. In seiner einleitenden Behandlung der geographischen Lage Athens kommt Aelius
auf die Topographie der Stadt zu sprechen. Mehrfach und betont streicht er dabei die zen-
trale Position der Akropolis in der Stadt heraus und stilisiert sie schliefilich zum sicht-
baren Zeichen der Zentrumsfunktion Athens fur die gesamte Welt. Griechenlad liege
im Zentrum der Welt, Attika im Zentrum von Griechenland, die Stadt im Zentrum ihres
Territoriums und die Akropolis wiederum im Zentrum der Stadt, so die Argumentation.18
Die Akropolis steht als Sinnbild fur das geographische und kulturelle Zentrum Athen.19
An der Akropolis selbst ruhmt Aelius die mit der naturlichen Anmut des Burgberges
rivalisierende Schonheit des Reichtums und der Kunstwerke, die sich auf ihr befinden.
Die gesamte Akropolis ahnele einer Weihung oder eher einer Statue selbst.20 Das Lob
bleibt vollig an der Oberflache, kein einziges Monument wird konkret angesprochcn.
161
Hans-Christoph von Mosch
Der Burgberg ist in der Rede ebenso nur Zeichen und Argument fur die Einzigartigkeit
der Stadt wie das entsprechende Miinzbild, auf dem in gleicher Weise unkonkret und
nicht differenziert der Berg wie eine Statue isoliert dargestellt ist, versehen mit Monu-
menten, die seine naturliche Schonheit bereicherten. Vermutlich bargen also die Akro-
polisbilder dieselbe Aussage im Hinblick auf Athen wie der entsprechende Einleitungs-
topos im Enkomion auf eine Stadt.
Der folgende crste groEe Schwerpunkt einer Lobrede, das Verhaltnis der Gotter zur
Stadt, begegnet auf den Miinzbildern in vielfaltiger Weise. Hauptthema ist die Stadt-
gottin Athena. Ihre grofke Tat war die Erfindung der Olbaumkultur im Streit mit Posei-
don um das attische Land.21 Den ersten Olbaum hatte Athena dabei auf der Akropolis
entstehen lassen und die Athcner hatten diese Erfindung an die iibrige Menschheit wei-
tergegeben, was als Argument fur die vielgeriihmte attische Philanthropic gezahlt wur-
de. In vielen Variationen ist daher Athena mit einem Olbaum dargestellt (Abb. 7, 8,9).
Die Varianten des Mythenbildes vom Wettkampf zwischen Athena und Poseidon wur-
den bereits erwahnt (Abb. 1-3): Absicht der Darstellung war eben nicht der Hinweis auf
zugrundeliegende Kunstwerke, sondern die nachdriickliche und ehrenhafte Bestatigung
der deo(J)LA.6xr|5, die darin ihren Ausdruck fand, daft zwei Gotter um das attische Land
konkurrierten.22
Eine andere mythische Wohltat der Athena war die Erfindung der Gerechtigkeit und die
Einsetzung des Areopags. Die Miinzen schildern den Mythos wieder mit dem Zitat aus
einem Kunstwerk der Stadt, das nurmehr als Reflex auf Ollampen, Gemmen, Sarko-
phagen und der sogenannten Coppa Corsini erhalten ist.23 Sie zeigen den in anderen
Uberlieferungen vielfigurigen Zyklus reduziert auf eine stehende Athena, die einen
Stimmstein in eine Losurne wirft (Abb. 10). Gemcint war das iudicium Orestis, eine
aitiologische Mythenszene, die bereits Aischylos 548 v. Chr. in den >Eumeniden< im
Hinblick auf die gerade erfolgte Entmachtung des Areopags verarbeitet hatte:24 Orest
war von Argos nach Athen geflohen und wurde dort von den Eumeniden angeklagt. Zur
Entscheidung des Falls hatte Athena den Areopag eingesetzt. Bei der Abstimmung
herrschte Stimmengleicheit, die Athena durch Zugabe ihrer freisprechenden Stimme
zugunsten des Orest entschied. In der Kaiserzeit kam dem Mythos noch einmal eine
besondere Bedeutung zu, da zu der Zeit der Areopag wieder eine gewichtigere Rolle als
jemals seit seiner Entmachtung spielte.25
Im Kontext der numismatischen und literarischen Athenpanegyrik bedeutete der Mythos
die Stilisierung Athens zum Ursprungsort der Gerechtigkeit. Aelius Aristides feiert
den Areopag im Zusammenhang mit dem Orestmy thos als ^apdSeiyu-Ct Sixaioauvr]c;<:
Hier wird in engster Nahe zu den Gottern Recht gesprochen, hier haben sie selbst be-
reits vorbildlich gehandelt. Im speziellen Kontext der Bilder, die Athena unter vielen
Aspekten feiern, steht die Szene fur die grofie kulturelle Leistung der Einrichtung des
Areopags durch die Gottin, fur ihre Rolle als Schirmherrin des Rechts, fur ihre Philan-
thropic und fur die Erfindung der Regel: Stimmgleichheit bedeutet Freispruch.27 Dieser
in der Rhetonk und auf den Miinzbildern behauptete Zusammenhang zwischen der
Erfindung der Rechtsprechung und der Stadt Athen gait als weiterer Beweis fur die
besondere Liebe der Gottin zu den Athenern.
162
1-3 Athena und Poseidon im Kampf urn das attische Land
4-5 Athena-Marsyas-Gruppe
6 Akropolis von Athen
7-9 Athena mit dem Olbaum
Hans-Christoph von Mosch
Die Bevorzugung der Stadt durch die Gotter wird auch in anderen Geschenken deut-
lich, die auf den Munzen erscheinen. Eine Traube auf attischen Kleinmiinzen steht fiir
das Geschenk des Weins an Attika durch Dionysos (Abb. ll).2ZT>\e Miinzbilder von
Demeter (Abb. 12) und Triptolemos (Abb. 13), jeweils auf einem Schlangenwagen und
mit Kornahren in der Hand, verweisen darauf, daft Demeter den Athenern als ersten
Menschen das Korn geschenkt hat und die Athener in ihrer Philanthropic das Geschenk
selbstlos an die iibrige Menschheit weitergaben durch den Sendboten Triptolemos, der
auf seinem Schlangengefahrt in die entlegensten Gegenden gelangen konnte.29 Insge-
samt werden zum eleusinischen Themenkreis in der hadrianischen Prageperiode elf
verschiedene Bildtypen herausgegeben,30 wahrend in den beiden darauffolgenden Prage-
perioden nurmehr jeweils ein Reversbild mit jener Demeter auf dem Schlangenwagen
zu dem Thema erscheint.31 Der Anlafi fur die Bildervielfalt in hadrianischer Zeit darf in
der Neugriindung des Panhellenions im Jahr 131 n. Chr. vermutet werden, dessen Ideo-
logic eng mit den euleusinischen Mysterien verknupft war.32 Im panegyrischen Sinn
geben diese Bilder den Hinweis auf das grofle spirituelle Geschenk der Demeter an die
Athener: die Mysterien von Eleusis.33 Sie belegten erneut die Liebe der Gotter zu den
Athenern. Auf der anderen Seite gab die Unterhaltung eines solchen Mysterienkultes
allerersten Ranges aber auch Zeugnis von der zudem auf anderen Munzen reichlich
propagierten ei!Ge|3£ia der Athener.34
Eine andere Themengruppe bilden Munzen mit Bildern von opfernden Gottern (Abb.
14-18). Ihre Aussage ergibt sich aus einer Stelle bei Aelius Aristides:35 Wenn die Men-
schen wie Schiiler dem gottlichen Lehrer f olgen, werden sie perfekt in der entsprechenden
Tugend, heifk es sinngemafi, und so fiihren die Gotter den Menschen, speziell den Athe-
nern, die ihnen angemessenen Opf cr vor. Durch Text und Miinzbilder ist auf den exklu-
siven gottlichen Ursprung der Opferrituale im kultischen Leben der Stadt angespielt.
Athen beanspruchte, der Ursprungsort wichtiger Institutionen und menschlichen Kultur-
verhaltens zu sein. Das wird auch an Bildern aus dem Themenkreis um den attischen
Heros Theseus deutlich. Eine Reihe von Miinzbildern zeigt ihn mit geschulterter Keule
und Strigilis (Abb. 19fk und stellt ihn so als Erfinder des Palastrasports vor,37 andere
Stucke feiern ihn als Griinder bedeutender Feste wie der Panathenaen (Abb. und
der Oschophoria (Abb. 11, mitnichtabgebildetem Tbeseusavers).i9
Bei der Untersuchung des Verhaltnisses der Stadt zu ihren Gottern fallt zudem auf, da&
von den Gottern und Heroen, die unter verschiedenen Aspekten fiir die Stadt wichtig
waren, ganze Zyklen emittiert wurden. Auch hier lassen sich wieder Ahnlichkeiten mit
Darstellungsmustern der Rhetorik feststellen. So heben die Bilder einzelne Wesenszii-
ge des Heros oder der Gottheit hervor, wie Hymnen es tun oder panegyrische Reden auf
einen Gott. Das lafk sich am Beispiel der Athena am besten darlegen, da von ihr die
meisten verschiedenen Bildtypen herausgegeben wurden.
Zu den bereits erwahnten treten etwa kriegerische Bilder der Gottin (Abb. 21-23), die,
wie es im homerischen Hymnos heifk, ihre Vertrautheit mit »Schlachten und Manner-
gewiihl« riihmen.40 Schon die Szene ihrer Geburt, als sie waffenstarrend aus dem Haupt
des Zeuts entsprang, unterstreicht diesen Aspekt ihres Wesens. Spater ist sie Helferin in
bedeutenden Schlachten wie der bei Salamis und bei zahlreichen Zweikampfen ihr
schutzbefohlener Heroen.41 Und diesen kriegerischen Wesenszug verkorperte sie nach
164
Das panegyrische Miinzprogramm Athens
10 Athena wirft den Stimmstein
11 Dionysos schenkt Attika den Wein
12—13 Demeter und Triptolemos auf dem Schlangenwagen
14-18 0pferndeG6tter
Hans-Christoph von Mosch
kaiserzeitlicher Anschauung sogar als Lehrerin. Aelius Aristides sagt, die Gottin habe
die Athener im Waffengebrauch unterrichtet.42 Die Miinzbilder beschreiben diesen kamp-
ferischen Zug der Gottin mit unterschiedlichen Figurentypen einer bewaffneten und
kampfenden Athena, die als Lehrerin ihren ersten Schulern, den Athenern, ihre beson-
dere Gunst erweist.
Hierhin gehort auch der Aspekt der Sieghaftigkeit im Wesen der Gottin, »denn nicht
Nike ist Herrin der Athena, sondern stets Athena Herrin der Nike«, heiik es im
Athenahymnus des Aelius Aristides.43 Diesen Wesenszug der Gottin reprasentierte der
Kult der Athena Nike, der v. a. in Athen verbreitet war und dort seit 566 v. Chr. bezeugt
ist.44 Die Stempelschneider konnten ihn wiederum durch Statuenzitate ins Bild setzen:
So werden unter den verschiedenen nikehaltenden Athenatypen u. a. die Athena Parthenos
(Abb. 24) und die Athena Velletri (Abb. 25) abgebildet.
Breiten Raum unter den Athenabildern nimmt das Thema > Athena als Erfinderin< ein.
Eine Reihe von Mtinzen zeigt sie mit einer Lanze bewaffnet in einer galoppierenden
Biga, Triga oder Quadriga (Abb. 26,27).^ Damit ist der Bezug auf die Athena Hippia
gegeben. Fur das Epitheton existieren verschiedene antike Deutungen: Nach einer
Geburtslegende soli Athena mit einem Streitwagen dem Haupt des Zeus entsprungen
sein.46 Doch die Quelle bleibt vereinzelt und kann nicht als offizielle Interpretation der
Bilder gelten. Haufiger findet sich der Hinweis, Athena habe Renn- und Streitwagen
crfunden. Da dies auch im >Panathenaikos< behauptet wird, ist darin wohl die im kaiser-
zeitlichen Athen gultige Lesart der entsprechenden Miinzbilder zu sehen.47 Dafiir spricht
auch, dafi Athena als Lenkerin einer Biga, Triga und Quadriga gezeigt wurde. Denn
offenbar sollten die Bilder sie als Erfindern aller drei Wagentypen vorstellen, und auch
hier waren die Athener naturlich selbst die ersten Nutzniefier der gottlichcn Erfindung.
Ein anderer Aspekt Athenas war ihr Bezug zur Schiffahrt, einem Bereich, in dem sie
ebenfalls als Erfinderin wirkte. Sie wurde als Bcistandsgottin bei Seereisen und als
Patronin des Schiffbaus verehrt. In ihrer Funktion als Ergane wurde ihr die Erfindung
des Kriegs- und Handelsschiffes zugeschrieben.48 Die Bedeutung dieses Wesenszuges
der Gottin fur das kaiserzeitliche Athen bestatigcn die kleineren Nominale. Sie zeigen
Athena auf der Vorderseite und ihre Erfindung in Form einer Prora auf der Riickseite
(Abb. 28).49 Das gleiche Bild in Worten findet sich im Athenahymnus des Aelius Aristides:
»Sie hat aber auch Anteil an den Werken des Poseidon ..., da sie ... das erste Schiff
erbaut hat.«50
Und eine letzte Erfindung Athenas ist wieder durch das Zitat einer Statuengruppe ver-
bildlicht (Abb. 4,5). Die beiden Varianten in der Munzuberlieferung der Athena-Marsyas-
Gruppe konnten bereits nahelegen, da£ mit den Bildern eben nicht der ruhmende Hin-
weis auf den Kunstbesitz der Stadt verbundcn war, sondern dem Mythos eine Rolle in
der Schilderung von Athenas Wesen zukam. Ob die aristotelische Interpretation des
Mythos als Athenas Entscheidung fur die hohe Ethik und gegen das Orgiastische aller-
dings fur die Masse der Rezipienten Gultigkeit hatte, bleibt fraglich. Stattdessen ist bei
den auf die Gesamtheit der Polis ausgerichteten Miinzbildern wohl gerade mit der ba-
nalsten Lesart zu rechnen.51 Wahrscheinlich gehort das Mythenbild in den Kontext der
Erfindungsszenen. Athena gait als Erfinderin jeglicher Kunstfertigkeit, ein Aspekt davon
war ihre Stilisierung als Erfinderin der Musik. Aelius Aristides unterstellt ihr sogar die
1 66
Daspanegyrische Miinzprogramm Athens
19-20 Theseus in der Palastra und als Griinder der Panathenaen
21-23 Athena als Kriegerin
24-25 Statue der Athena Parthenos und der Athena Velletri
26-27 Athena Hippia auf dem Wagen
Hans-Christoph von Mosch
Erfindung des Auloi-, Lyra- und Kitharaspiels.52 Der Marsyasmythos erzahlt jedoch
speziell von ihrer Erfindung der Flote - darin mag vor dem Hintergrund der anderen
Erfindungsbilder um Athena der Akzent bei dem Miinztyp gelegen haben. Die Erfin-
dung wird in einem hellenistischen Epigramm auf Athena geriihmt: »Hoch auf der Lan-
ze der prachtvoll behelmten Pallas Athene thront die Zikade und singt! Denn wie die
Musen mich ehren, so ehre ich meinerseits Pallas: Sie, das Madchen, erfand namlich
die Flote fur uns.«53 Das Gruppenmotiv deckte also wahrscheinlich den Topos Athena
und die Musik ab.
Da Athena nach dem attischen Ursprungsmythos die Ziehmutter der Athener war, tragt
jedes Bild der Stadtgottin - als Kriegerin, Siegbringerin, Lehrerin oder Erfinderin - zur
Stilisierung Athens als Ursprungsort der Zivilisation bei. Aufier fur Athena gibt es sol-
che Zyklen in der kaiserzeitlichen attischen Miinzpragung auch fur Apoll und Theseus,
die wichtigsten Figuren im Pantheon der Polis.
Auf die Darstellung gottlicher Verdienste um die Polis folgt im Enkomion das Lob der
menschlichen Taten und Eigenschaften. Der erste wichtige Punkt ist die vornehme
Abstammung eines Volkes. Auch dieser Bereich wird in der attischen Miinzpragung
gebiihrend gewiirdigt. So klingen in der haufigen Abbildung der Erichthoniosschlange
(Abb. 29-31) der Ursprungsmythos des attischen Volkes, sein Autochthonenimage und
die darin implizierten Tugenden an.54
Als nachsten Punkt fordert die Rhetoriktheorie die Hervorhebung grower Personlich-
keiten der Stadtgeschichte, auf den Munzen vertreten durch Miltiades und Themistokles.
Miltiades wird als Sieger in einer Landschlacht gezeigt (Abb. 32).55 In voller Rustung
fuhrt er einen Perser mit phrygischer Miitze und auf dem Riicken gefesselten Handen
vor ein Tropaion. Themistokles dagegen wird als Sieger der Seeschlacht bei Salamis
auf einer Galeere stehend vorgestellt (Abb. 33,34).Sh Ebenfalls geriistet tragt er ein
Tropaion als Siegeszeichen und bekranzt die attische Eule auf dem Bug als Sinnbild
Athens mit einem Siegeskranz. Die Schlange vorn auf dem Rammsporn spielt auf die
von Pausanias iiberlieferte Episode an, derzufolge wahrend des Kampfes zwischen
Persern und Athenern eine Schlange auf den Schiffen erschienen sein soli, die nach
einer Weissagung Apolls der Heros Kychreus gewesen sei.57 Beide Miinzdarstellungen
wurden als Reflex schriftlich iiberlieferter grofiplastischer Vorbilder in Athen gewertet,
doch nur das Miltiadesmiinzbild kann mit einiger Wahrscheinlichkeit als Abbild einer
Statuengruppe im Dionysostheater gewertet werden.58
Die Bedeutung beider Bilder im Kontext des panegyrischen Miinzprogramms Athens
lafk sich wieder durch Passagen aus dem zeitgenossischen >Panthenaikos< des Aelius
Aristides erhellen. Beide Schlachten sind hier Sinnbild fur Athens selbstlosen Kampf
um die Freiheit aller Griechen, ein Hauptargument fur die immer wieder beschworene
Philanthropic Athens.39 In beiden Schlachten erwiesen sich die Athener als alien Grie-
chen und Barbaren an Tugend uberlegen.60 Marathon stilisiert Aelius daher zum
»ai3(i(3o^ov dp£xr]5«.61 Insgesamt nennt er drei Schlachten, in denen die Stadt nicht nur
sich selbst, sondern alle Menschen iibertroffen hat. Marathon (Land), Salamis (See)
und Mantineia (Reiterei) stehen fur die drei Schlachtenarten, in denen Athen diese Uber-
legenheit bewiesen hat.62 Die Munzen thematisieren indes nur die attische Uberlegen-
heit zu Land und zur Sec und mit beiden Bildern den Sieg attischer apexr|.
168
Daspanegyriscbe Munzprogramm Athens
A R
28 Athena als Patronin der Schiffahrt (Prora auf dem Revers)
29-31 Athena mit der Erichthoniosschlange
32-34 Militiades und Themistokles als Sieger zu Land und zu See
35-38 Friedliches Leben: Bukranien und Dionysostheater
Hans-Christoph von Mosch
Auf der friedlichen Seite menschlicher Leistungen erinnern Bukrania (Abb. 35-37) in
verschiedenen Zusammenhangen an die vielpropagierte euoefSeia der Polis,63 und die
Darstellung des Dionysostheaters (Abb. 38)i&ext Athen als den Ursprungsort der dra-
matischen Dichtung.64 Hier schlieften sich die zahlreichen Festspiele an, von denen die
fiinf auf den Miinzen namentlich genannten vom aufterordentlich privilegierten Status
der Stadt kiinden (Abb. 39).65 Auf alien Pragungen, die sich auf Spiele beziehen, er-
scheint der Hinweis auf Athena und ihr Olgeschenk (Abb. 39-41 J,66 was den tatsachli-
chen Siegcspreis andeuten, aber auch panegyrisch auf die Stadt insgesamt verweisen
konnte. Im >Panathenaikos< riihmt Aelius Aristides die Spiele in Griechenland als die
beruhmtesten von alien. Athen aber war die erste Stadt, die Spiele eingerichtet hatte,
und das Ol, das Geschenk Athenas, das die Stadt an Menschheit weitergegeben hatte,
verbinde alle diese Spiele.67 Da auf den Pragungen durchgangig der Zusammenhang
zwischen den stadtischen Agonen und dem Olgeschenk Athenas im Bild angedeutet ist,
war die Assoziation fur den Zeitgenossen naheliegcnd: Die Miinzen wiesen auf den
Topos der ersten Spiele, das Geschenk der Gottin und die Groftziigigkeit der Stadt in
der Weitergabe des fur Agone so wichtigen Olgeschenks.
Die aufgezeigte Ubereinstimmung der Themen, Akzente und Nuancen zwischen Rhe-
torik und Miinzpragung macht deutlich, welche Massenwirkung die haufig auf den
Festen und bei den offentlichen Vortragen der Rhetoren zu horenden Enkomia gehabt
haben miissen. Beinahe jeder Burger wird griindlich >geimpft< gewesen sein mit den
Aspekten der stadtischen Selbstdarstellung, so dafi er die an jedermann adressierten
Munzbilder leicht verstand. Die Lesbarkeit der Bilder wurde zudem durch den Urn-
stand erleichtert, dafi die von taglicher Begegnung bekannten Bildwerke des offentli-
chen Raumes zur Darstellung der Stadtlobtopoi zitiert wurden. Dazu zahlten Kultstatucn
der Tempel,68 Statuen auf der Agora,69 Weihgeschenke von der Akropolis,70 Bauplastik,71
und sicher auch Gemalde.72 Das wiederum lalk den Schlufi zu, daft diese alten Bildwerke
von den alltaglichen Betrachtern zugleich als Bebilderung der ihnen so prasenten of-
fiziellen Mythendeutungen wahrgenommen wurden. Ein Athener Burger des 2. oder
3. Jh.s ging mit anderen Interessen zwischen den Bildwerken seiner Stadt umher als
etwa Pausanias, der als - wenngleich hochgebildeter - Fremder naturgemafi wenig von
der alten epideiktischen Tradition Athens in sein Werk einflieften lieft. Ein attischer
Burger hingcgen stieft beinahe uberall auf bildliche Bestatigungen seines Stolzes auf
Stadt und Vorf ahren. >Selbst die Gotter stritten um u ns... Unsere Gottin Athena erf and
die Musik... Wir sind die Erfinder des dramatischen Theaters... Unser Theseus hat den
Palaistrasport ins Leben gerufen... Hier entsprang das Menschengeschlecht und hier
stehe ich im Mittelpunkt der Welt< - Argumente gab es genug, um patriotisch gestimmt
zu sein, um sich »grofier, hcrrlicher und schoner« zu fiihlen, wie es treffend schon
Sokrates im platonischen >Menexenos< liber die Epitaphienredner sagt.73 Und die Bilder
trugen das Ihre dazu bei, den Wert der Jtaxpi^ zu erhohen. Gerade die reiche Bebilde-
rung der Miinzen (73 verschiedene Typen, ohne die zahlreichen Varianten) ist der beste
Beweis dafiir, dafi man ausgehend von der Erfahrung, daft visuelle Darbietung beim
Volk mehr Eindruck macht als die Rede oder das diskursive Argument, den Bildern
eine aktive Rolle im politischcn Raum zutraute.
170
Daspanegyrische Munzprogramm Athens
39-41 Symbole der Festspiele
42-44 Freiheit Athens: Theseus besiegt Minotauros und marathonischen
45 Athena iiberfahrt einen Giganten
46 Statue der Eirene des Kephisodot
Hans-Christoph von Mosch
Doch sind die Miinzbilder nicht allcin auf einen retrospektiven Patriotismus hin ausge-
richtet. Sie enthalten trotz alter Themen und Motive aktuellc Anliegen. Es darf nicht
aufter acht gelassen werden, daft Panegyrik auch ein postulatives Element beinhaltet.
Das auf den Munzen propagierte Bild der Stadt mufi auch als Garantie dafiir verstanden
worden sein, daft sich weiterhin die politischen und moralischen Verhaltnisse der Ge-
genwart mit der groften Vergangenheit messen lassen. In diesem Punkt gleichen man-
che der dargestellten Themen denen auf reichsromischen Pragungen, obgleich die Bil-
dersprache eine andere ist. Auf den Reichspragungen wurden Garantien (z. B. securitas,
pax u. a.) oder die Feier zeitgenossischer Ereignisse durch Personifikationen bzw. den
handelnden Kaiser dargestellt. In Athen lieften sich ahnliche Garantien oder Ereignisse
in Mythenbildern vermitteln. Und als zustandige Instanz fur die auf den Riickseiten der
Munzen angesprochenen Themen erscheint anstelle des Kaisers Athena auf dem Avers,
stellvertretend fur die Stadt.
So wurde die (nominelle) libertas Athens propagiert durch den My thos von Theseus'
Kampf gegen den Minotauros, was wiederum durch ein Zitat nach einem rundplastischen
Vorbild geschah (Abb. 42,43).74 Die Deutung ergibt sich daraus, daft vomTheseusmythos
nicht erzahlfreudige Bilder einzelner Taten herausgegeben wurden, sondern jeweils nur
Fassungen mythischer Begebenheiten, die fur die Stadt von besonderem Interesse waren.
Fur Athen bedcutet die Totung des Minotauros die Befreiung von Fremdherrschaft und
Tributpflicht.
Gleichfalls wichtig fur die Stadt war Theseus' Sieg liber den marathonischen Stier, der
lange Zeit Athen und das Umland terrorisiert hatte. Auch fur dieses Miinzmotiv (Abb. 44)
diente eine Skulpturengruppe als Vorbild - das Weihgeschenk der Gemeinde von Mara-
thon auf der Akropolis.75 Im Kontext der Bilder feiert der Mythos Theseus als Vor-
kampfer von Frieden und Sicherhcit, und im ubertragenen Sinn garantiert Athen mit
dem Munzbild seinen Burgern die securitas des offentlichen Lebens.
Noch einmal zu erwahnen sind hier die Bilder von Themistokles (Abb. 33,34) und
Miltiades (Abb. 32), deren Taten als Exempla fur die virtus der Athener angesehen
wurden.
Andere Munzen sind als Reaktion auf zeitgenossische Ereignisse zu verstehen, und
selbst solche Themen konnten in der lokalen Bildersprache dargestellt werden, ohne
daft erklarendc Beischriften oder von der Reichspragung entlehnte Personifikationen
ins Bildrepertoire aufgenommen werden muftten. So tauchen Bilder von Athena, die in
einer Biga einen Giganten uberfahrt (Abb. 45) 7b und von Eirene nach dem Vorbild der
Statue des Kephisodot (Abb. 46)77 ausschlieftlich in der sogenannten >Prageperiode II<
auf, die zeitgenossisch ist mit dem Einfall der Kostoboken, der Zerstorung von Eleusis
und dem Grassieren der von heimkehrenden Truppen mitgebrachten Pest.78 In alter
Tradition verbildlicht der Gigantenkampf die Vertreibung der Barbaren, und mit dem
Statuenzitat der Eirene propagierte die Stadt den wiederhergestellten Frieden.
Ein weiterer Aspekt ist diepietas oder dxjefteia der Athener, die nicht nur durch Bukranien
(Abb. 35,37) und Altare (Abb. 36) symbolisiert wurde, sondern sich auch aus der Summe
der durch die Kultbilder vertretenen Gotterkulte ergab.79
Erhohung der Gegenwart durch die Presentation von Bildern aus der groften mythi-
schen Vergangenheit und hohe Anspriiche an die Gegenwart als Verpflichtung vor der
172
Daspanegyriscke Munzprogramm Athens
gro$en Vergangcnheit, das waren Zweck und Aussage der kaiserzeitlichen attischen
Miinzpragung. Die rhetorische und bildliche Werbung fiir die Polis sollte ein dauerhaft
starkes Gefiihl der Liebe und Verbundenheit zur eigenen Jtaxpic; fordern helfen, das
lebenswichtig fiir das Funktionieren einer auf freiwilligem Engagement gegriindeten
stadtischen Gesellschaftsordnung war.
Damit haben sich die urspriinglich als Gegenstand der Untersuchung gewahlten Statuen-
motive auf kaiserzeitlichen attischen Miinzen als wirkungsvolles Element einer kom-
plexen panegyrischen Bildersprache erwiesen, das nach Imhoof-Blumers und Gardners
bedeutender Studie >A Numismatic Commentary on Pausaruas< nun eigentlich ein Nach-
folgewerk mit dem Titel >A Numismatic Commentary on Aelius Aristides< erforderlich
erscheinen laftt.
173
Anmerkungen
Dies ist die mit den notwendigsten Anmerkungen versehene Fassung des am 16.2.1996
in St. Peter/Schwarzwald gehaltenen Vortrags. Ein ausfiihrlicher Beitrag zum Thema
erscheint an anderer Stelle. Da nicht alle Miinzen, die im Text Erwahnung finden,
abgebildet werden konnen, empfiehlt es sich, bei dcr Lektiire das Tafelwerk von
Svoronos zur Hand zu nehmen. Es wird i. f. zitiert als
Svoronos =J. N. Svoronos-B. Pick, Les monnaies d'Athenes (1923-1926).
Beachte aufierdem:
Kroll = J. H. Kroll. The Athenian Agora XXVI. The Greek Coins (1993).
1 S. Grunauer-v. Hoerschelmann, Die Miinzpragung der Lakedaimonier (1978) 106.
2 M. K. u. J. Nolle, Gotter - Stadte - Feste, Ausstellungskat. Staatl. Miinzslg. Miinchen
(1994) 30.
3 Vgl. zuletzt Kroll, zur kaiserzeitlichen Pragung ebenda 113 ff.
4 Svoronos 89.1-15.
5 J. N. Svoronos, Journ. internat. d'archeologie numismatique 14 (1912) 288 ff.
6 Paus. 1.24.3 (Ubers. E. Meyer).
7 Svoronos 89.16-18.
8 Tyrannenmordergruppe (nur auf hellenistischen Tetradrachmen als Beizeichen mit
aktuellem politischen Bezug: C. Habicht, Chiron 6 [1976] 135 ff.); Aphrodite Urania des
Phidias, Prokne-Itys-Gruppe des Alkamenes, Kultbild des Arestempels von Alkamenes;
Kultbild des Metroons von Phidias oder Agorakritos. Diese Werke waren aus zwei
Griinden mit Sicherheit nicht auf den kaiserzeitlichen Miinzen abgebildet: Zum einen ist
das Auftauchen neuer, bislang unbekannter Bildtypen angesichts der Masse des vorhan-
denen Miinzmaterials nahezu ausgeschlossen und zum anderen sind diese Themen oder
Gottheiten auf den kaiserzeitlichen Miinzen Athens ohnedies auch in anderen Typen
nicht vertreten.
9 Kroll 119 erklart das Phanomen damit, daft die attische Drachme im Vergleich zu As und
Assarion iiberbewertet war.
10 Reallexikon fur Antike und Christentum Suppl. I (1986-1992) 639-668 s. v. Athen
(Sinnbild) (D. Lau).
11 J. H. Oliver, The Civilizing Power, Transactions Americ. Philosoph. Society 58 (1968).
C. A. Behr, P. Aelius Aristides, The Complete Works I (1968) 428.
12 O. Schroeder, De laudibus Athenarum a poetis tragicis et ab oratoribus epidicticis
excultis(1914)19ff.
13 Hinzu kamen die Vortrage gef eierter Sophisten, die haufig im Odeion des Agrippa
gehalten wurden und ublicherweise mit dem Lob Athens begannen, z. B. die Rede des
Philagros: Philostrat. Vita Soph. 2.8.1 f.; Rede des Alexander Peloplaton:
ebenda 2.5 p. 571 f.; W. Amelung, Herodes Atticus I (1983) 131 ff.
14 T. Holscher, Die Bedeutung der Miinzen fur das Verstandnis der politischen Reprasenta-
tionskunst in der spaten romischen Republik. Proceedings of the 9th International
Congress of Numismatics, Bern 1979 (1982) 269 ff.
15 Menand. Rh. 346.26 ff.
16 Hafen: Menand. Rh. 351.20 ff. - Buchten: Menand. Rh. 352.6 ff. - Akropoleis: Menand.
Rh. 352.10 ff.; E. Kienzle, Der Lobpreis von Stadten und Landern in der alteren
griechischen Dichtung, Diss. Basel 1930 (1936) 9 f.
17 M.J. Price - B. L. Trell, Coins and their Cities (1977), Ubersicht: 243 ff.: Korinth Nr. 171
Abb. 135 f.; Kynaitha Nr. 198 Abb. 1; Troizen Nr. 222; Anazarbos Nr. 621 Abb. 516;
Ptolemais Nr. 720 Abb. 515; Pella (Syrien) Abb. 56; Neapolis (Samaria) 173 Abb. 302 f.
175
Hans-Christoph von Mosch
18 Aristeid. or. 1.16; Kienzle, a. 0.24.
19 Aristeid. or. 1.403.
20 Aristeid. or. 1.191.
21 Kienzle, a. 0.45.
22 Die Bedeutung des Mythos als Zeugnis fur das Gottgeliebtsein Athens fand auch in der
romischen Literatur Erwahnung: Cic. Flacc. 62; Aetna 582.
23 G. Hafner, Winckelmannsprogramm Berlin 113 (1958) 5 ff.; H. Gauer, Arch. Anz.
(1969) 76 ff.
24 I. Kaspar-Butz, Die Gottin Athena im klassischen Athen (1992) 22 ff. mit Taf. 1,2.
25 D.J. Geagan, The Athenian Constitution after Sulla. Hesperia Suppl. XII (1967) 32 ff.
26 DerTopos geht bis ins 5. Jh. zuriick. Quellen: D. Lau, a. O. (Anm. 10) 642 und Schroeder,
a. O. (Anm. 12) 23.
27 Aristeid. or. 37.17.
28 Aristeid. or. 1.339,1.360; lust. Trog. 2.6.5; Apollod. 3.191 f.
Miinzen: Svoronos 92.24-26.
29 Isokr. Paneg. 28; Aristeid. or. 1.34,22.4; J. W. Day, The Glory of Athens. The Popular
Tradition as Reflected in the Panathenaicus of Aelius Aristides (1980) 15 ff.
30 - sitzende Demeter auf Fels: Svoronos 89.35-40,
-sitzende Demeter auf Thron: Svoronos 93.36-42,
- Demeter im Schlangenwagen: Svoronos 94.19,
- Demeter im Schlangenwagen flankiert von Kore und Hekate:
Svoronos 94.1—6,
- Demeter und Kore stehend: Svoronos 94.16-18.
-Triptolemos: Svoronos 94.7-13,
- Kore: Svoronos 93.43-47,
-Iakchos: Svoronos 93.32-35,
- Schwein: Svoronos 94.14-15,
- Fackeln: Svoronos 94.49-51,
- Kornahren: Svoronos 94.53-54.
31 <Periode II<: Demeter im Schlangenwagen: Svoronos 94.20-21; >Penode III<: dto.:
Svoronos 94.25-31,37,39.
32 G. Clinton, Aufstieg und Niedergang der Romischen Welt 18.2 (1989) 1519ff.;
M. Worrle, Chiron 22 (1992) 337 ff.
33 Isokr. Paneg. 28-31; Plat. Menex. 238 a; F. Graf, Elusis und die orphische Dichtung
Athens in vorhellenistischer Zeit (1974) 38 f.; Amphiktionendekret SIG3 704 E: Oliver,
a. O. (Anm. 11)18 f.
34 Menand. Rh. 362.25f.; Aristeid. or. 1.338-341.
35 Aristeid. or. 1,45.
36 Svoronos 95.10-12.
37 Paus. 1.39.3; Schol. Lukian Iupp. trag. 21; Schol. Pind. Nem. 5.89.
38 Svoronos 90.45-47; dazu Plut. Thes. 24.1; N. Robertson, Rhein. Museum 128
(1985) 231 ff.
39 Svoronos 92.24-26; zur Interpretation Plut. Thes. 23.2 f.; E. Beule, Les monnaies
d'Athenes (1858, Nachdr. 1967) 337 f.
40 Hymn. Horn. Aphr. 10 f. (Ubers. Th. von Scheff er).
41 W.F. Otto, Die Gotter Griechenlands (1970) 45 ff.
42 Aristeid. or. 1.43.
43 Aristeid. 37.17 (Ubers. G. Johrens).
44 G. Johrens, Der Athenahymnus (1981) 116 ff.
176
Das panegyrische Munzprogramm Athens
45 Svoronos 88.8-22.
46 Etym. Magn. 474.31 s. v. forma.
47 Hymn. Horn. Aphr. 11 ff.; Horn. II. 5.61,15.412; Mnaseas Frg. 2: FHG (Miiller) III 149 f.;
Aristeid. or. 1.43,37.143.
48 J6hrens,a.0.109ff.
49 Svoronos 97.37,40.
50 Aristeid. or. 37.20 (Ubers. G. Johrens).
51 Aristot.pol. 8.1341 a.18 ff.
52 Aristeid. or. 37.21.
53 Anth. Grace. 6.120 (Leonidas vonTarent) (Ubers. D. Ebener); s. auch Hyg. fab. 166.
54 Beulc, a. O. (Anm. 39) 356 f.; D. Castriota, Myth, Ethos and Actuality. Official Art in
Fifth-Century B. C. Athens (1992) 143 ff.; W. B. Tyrrel - F. S. Brown, Athenian Myth
and Institutions (1991) 138 ff.
55 Svoronos 97.32-35.
56 Svoronos 97.1-31.
57 Paus. 1.36.1.
58 M. Bieber, Americ. Journ. Archaeol. 58 (1954) 282 ff. Taf. 54; G. M. A. Richter, Greek
Portraits IV (1962) 9-11 Taf. 1.1-4; E. Schwarzenberg, Jahrb. Kunsthist. Samml.
Wren 68 (1972) 7 ff.; C. Schwingenstcin, Die Figurenausstattung des griechischen
Theatergebaudes (1977) 90 ff.
59 Aristeid. or. 1.110,113,135.
60 Aristeid. or. 1.107,110,183.
61 Aristeid. or. 1.110.
62 Aristeid. or. 1.347.
63 Quellen: Aristeid. or. 1.341,1.401,40.11; Paus. 1.17.1,1.14.3; Philostrat. vit. Apoll. 4.19;
Liban. decl. 13.26; Iul. mis. 38 c; Lau, a. O. (Anm. 10) 639 ff.; Schroeder, a. O.
(Anm. 12) 19 ff. -Miinzen: Svoronos 99.1-47, 87.42-43, 82.1-4.
64 AmphiktionendekretSIG3 704 E: s. o. Anm. 33; Hor. carm. 2.1.12; Prop. 3.21.28;
DiocLl3.26.2,27.2; Aristeid. or. 1.343. - Miinzen: Svoronos 98.44-46.
65 Die namentliche Nennung des jeweiligen Agons findet sich auf der Leiste des
Preistisches geschrieben. zu den darauf identifizierbaren Spiclen: Kroll 123 Anm. 53.
66 Svoronos 88.55-61,90.1-47, 91.1-45.
67 Aristeid. or. 1.38,1.362.
68 Zeus Olympios: Svoronos 92.1-7; Apollon Patroos: Svoronos 93.1-7; Athena Parthcnos:
L. Lacroix, Les reproductions de statues sur les monnaies grecques (1949) 266 ff.
Taf. 23 f.; Dionysos des Alkamenes: Svoronos 92.8-21.
69 Hermes Agoraios: Svoronos 92.27-29,35-37; Eirene: Svoronos 92.38-44;
Apollon Alexikakos: Svoronos 93.8-20.
70 Marathonischer Stier: Svoronos 95.16-22; Theseus-Minotauros-Gruppe: Svoronos
96.1-14,30-36; Gruppe aus Theseus u. d. Stein in Troizen: Svoronos 95.25-36; Athena-
Marsyas-Gruppe: Svoronos 89.26-34; Athena-Poseidon-Gruppe: Svoronos 89.16-18.
71 Figuren aus den beiden Giebeln des Parthenon: Svoronos 89.1-15.
72 Moglicherweise geht das aus diversen Bildquellen rekonstruierbare Bild mit dem
indicium Orestis auf ein beriihmtes Gemalde des Timanthes zuriick: G. Hafner, Ge-
schichte der griechischen Kunst (1961) 257 f.; die Miinzen: Svoronos 87.6-7.
73 Plat. Menex. 235 b.
74 Zur Gruppe Paus. 1.24.1; die Miinzen geben zwei verschiedene Bildfassungen des
Themas: Svoronos 96.1-14,96.30-36. Die Frage, welche der beiden die Gruppe auf der
Akropolis wiedergab, mufi offenbleiben.
177
75 Paus. 1.27.9 f.; Miinzen: Svoronos 95.16-22; zur Diskussion des Weihgeschenks zuletzt
H. A. Shapiro, Americ. Journ. Archaeol. 92 (1988) 373 ff.
76 Svoronos 88.8-9. zur Datierung der >Periode V C<, der diese und die folgende Pragung
angehoren: Kroll 115 ff.
77 Svoronos 92.38-44.
78 Zur Situation D.J. Geagan, Aufstieg und Niedergang der Romischen Welt 7.1
(1979) 403 mit weiterer Lit.
79 Nach Krolls Liste der auf den kaiserzeitlichcn Miinzen abgebildeten Motive finden sich
folgende Gotter: Athena, Demeter, Kore, Dionysos, Apollon Patroos, Apollon Lykeios,
Zeus Eleutherios (?), Zeus Olympios (?), Nike, Hermes, Artemis, Asklepios:
Kroll 122 ff. mit Diskussion der zugrundeliegcnden Kultbilder.
178